Diplom ade – Nachruf auf ein Gütesiegel

DiplomhutEr war ein Synonym für das „Made in Germany“, er stand für die Qualität deutscher Ingenieurskunst seit 1899 und ist dafür immer noch in aller Welt bekannt: Der Diplom-Ingenieur. Doch damit ist nun Schluss. Mit dem heutigen 31. März 2017 endet eine lange Tradition auch an der Universität Stuttgart.

Im Zuge des Bologna-Prozesses, der die Studiengänge etlicher europäischer Staaten zu vereinheitlichen suchte, wurde bereits seit Ende der 2000er Jahre das zweigliedrige Bachelor- und Mastersystem etabliert. Das Ziel war eine Qualitätssicherung im Hochschulbereich und eine auf Beschäftigungsfähigkeit – oder Neusprech: „Employability“ – ausgerichtete Ausbildung der Studentenschaft. Doch gab es da in der Vergangenheit in der Bundesrepublik denn solch gravierenden Nachholbedarf? Die Kritik an der Einführung des Bachelors, der einst als „erster berufsqualifizierender Abschluss“ angepriesen wurde, beruft sich auf die Abkehr vom Humboldtschen Prinzip der allgemeinen Menschenbildung durch Wissenschaft. Dieter Lenzen schrieb dazu in einem Zeit-Artikel: „Mit der Bologna-Reform ist es wie mit dem Euro: Ob gewollt oder nicht, wir werden uns mit ihren Konsequenzen auseinandersetzen müssen. Im Falle von Bologna mit den Nebenfolgen eines Neuanfangs, der das kontinentale, in seinen Grundlinien fast tausendjährige Konzept der Universität einem atlantischen Verständnis von higher education geopfert hat.“

Die universitäre Realität im Falle des Bachelors sieht derweil anders aus. Bereits bei der Einführung der neuen Studiengänge gab Magnifizenz Prof. Dr. Ressel an der Universität Stuttgart unumwunden bekannt, dass ein adäquater Ersatz für den Diplomabschluss nur mit dem Master of Science erworben werden könne. Dies bekräftigt auch eine Untersuchung des Stellenportals Adzuna, das über 400.000 Stellenanzeigen in der Industrie ausgewertet hat: Gerade in den Bereichen Technik, Beratung und IT werden deutlich mehr Master- als Bachelor-Absolventen gesucht – von Einkommensentwicklungen und Aufstiegsmöglichkeiten im Unternehmen ganz zu schweigen.

Was steckt nun hinter den anfänglichen Versprechen der Bologna-Reformer von Mobilität, Schnelligkeit und Vergleichbarkeit? Die meisten unserer Universitätsstudenten selbst messen dem Bachelor keinen wesentlicheren oder höheren Wert bei als ihre Vorgänger dem Vordiplom. Es ist das Mittel zum Zweck, zum Zweck des Erwerbs eines vollwertigen Abschlusses, der sich Master nennt. Ein Schritt auf der Leiter der universitären Laufbahn. Der Bachelor hingegen mag sich bewähren in dualen Studiengängen, die ohnehin darauf abzielen, die Studenten zügig und passgenau in einen vordefinierten Beruf zu führen. Doch das hat mit einer universitären Bildung im Wortsinn nicht mehr viel zu tun.

Die Abkehr vom Humboldtschen Bildungsideal, nach dem die universitäre Bildung im Sinne der Aufklärung autonome, mündige und selbstständige Individuen hervorbringt, wird ein Vakuum in der Gesellschaft hinterlassen. Im Bestreben dieses Vakuum im Sinne Humboldts neu zu befüllen, ist es auch die Aufgabe der Burschenschaft, für eine von wirtschaftlichen Interessen unabhängige, freie Ausbildung einzutreten, die mehr bietet als reine fachliche Kompetenz. Die Nation braucht gerade in schwierigen Zeiten ein starkes Bürgertum, das dafür sorgt, dass Deutschland in diesem Rahmen seinen guten Ruf als Qualitäts- und Wissenschaftsstandort beibehält.

Auch wenn ab morgen der Dipl. Ing. mit dem Aussterben beginnen wird, so sollten wir Burschenschafter dennoch für die Ideale der akademischen Freiheit – für die Unabhängigkeit der Universität von wirtschaftlichen und staatlichen Interessen und für eine eigenständige, freie Organisation – eintreten. Die Erfahrung hat gezeigt, dass dadurch erst große intellektuelle Leistungen möglich werden.